Legende vom hl. Gangolf

 

(aus Richard Aichele*, „Gangolfusbüchlein – ein Lehr- und Gebetbuch für Alle – besonders für die Wallfahrer zum Gangolfskirchlein bei Neudenau“, Karlsruhe 1925.)

 

Der hl. Gangulfus ist in Burgund von „ehrlichen“ [ehrenhaften] Eltern geboren. Von Kindheit an wurde er zu aller Andacht angehalten. In der Schule gab er den anderen Kindern ein Beispiel der Tugend. Gern wohnte er der heiligen Messe bei, achtete aufmerksam auf die Predigt und prägte die Lehren der Heiligen Schrift in sein Gedächtnis ein. Schon im Kindesalter konnte man aus dem Angesicht und den Geberden des hl. Gangolf seine zukünftige Heiligkeit erkennen. Er war züchtig, ehrbar und erbaulich im Wandel. Als er zum Jüngling herangewachsen war, floh er alle bösen Gesellschaften und wurde niemals mit leichtfertigen und ausgelassenen Altersgenossen gesehen. Seine lieben Eltern hat er sehr früh verloren. Von ihnen erbte er große Güter und Reichtümer. Diese benützte er zu reichlichen Almosen unter die Armen. Er erkundigte sich nach Witwen und Waisen und tröstete sie durch seine mildreiche Barmherzigkeit und Freigebigkeit.

 

Als er zum Manne herangereift war, vermählte er sich mit einer adeligen Jungfrau. Diese war ihm zwar an Adel und Reichtum gleich, in ihren Sitten und Verhalten gegen Gott aber sehr ungleich. Es scheint, dass Gott diese unglückliche Vermählung hauptsächlich deshalb zugelassen hat, damit der hl. Gangolf in der Geduld und im Ertragen des Kreuzes umso mehr sich üben konnte; denn die Ehe war eine sehr unglückliche. Das gottlose Weib verlästerte und verleumdete seinen Gemahl bei vielen vornehmen Herren als sei Gangolf ein nichtswürdiger Mensch, der nur einem liederlichen, faulen Leben zugetan sei. Und doch war das Leben bei Tag und Nacht dem Gebet und der Andacht und Frömmigkeit geweiht. Auf die Jagd ging er nicht um des Vergnügens willen, sondern um sich durch Anstrengung zu ermüden und sich so abzutöten.

 

Damals herrschte im Reich der Franken der König Pippin [+768 – Dieser war der Vater von Kaiser Karl dem Großen]. Mit König Pippin zog er auch in den Krieg, kämpfte ritterlich in den Schlachten und erwarb sich das Lob eines großmütigen Helden. Als er aus dem Krieg wieder nach Hause reiste, kam er durch Kampanien [die Landschaft um Neapel herum in Süditalien]. Hier setzte er sich bei einem Brunnen nieder, um mit Speise sich zu stärken. Als der Herr des Brunnens kam, erwarb er von diesem den Brunnen für 100 Goldgulden. Dann ritt er der Heimat zu. Hier erzählte er seiner Gemahlin den Kauf und Kaufpreis, worauf diese ihn verspottete und ihn als einen nichtsnutzigen Verschwender bei anderen verschrie. Gangolf trug die Schmähungen mit Sanftmut um Christi willen und stellte alles Gott anheim.

Einige Tage später ging Gangolf auf sein nächstgelegenes Gut. Dort fehlte es am Wasser. Da steckte Gangolf seinen Reisestab in die Erde. Dann forderte er im Vertrauen auf Gottes Hilfe seinen Knecht auf, den Stab wieder herauszuziehen und dann einen Becher mit Wasser zu füllen, welches aus der Vertiefung herausfließe, wo der Stab hineingesteckt worden war. Kaum hatte der Diener den Stab Gangolfs herausgezogen, als auch sogleich hier eine Quelle entstand, die nicht mehr verschwand und wo durch die Verdienste des hl. Gangolf viele Kranke die Gesundheit wieder erlangt haben. Die Sage berichtet naiver Weise, Gott habe auf diese Weise die gekaufte Quelle in Kampanien hierher übertragen.

 

Während der Zeit, als Gangolf im Kriege war, hatte seine Gattin einem sittenlosen Lebenswandel sich hingegeben und die eheliche Treue verletzt. Der Heilige erfuhr den lasterhaften Verkehr seiner Gattin mit deren Buhlen [Clerico]. Es regte sich in ihm die Versuchung, an seinem treulosen Weib Rache zu nehmen und dasselbe nach Verdienst zu strafen. Er überwand aber nach einem Kampf gegen sich selbst diese Versuchung, dass er seine Hand nicht mit deren Blute besudeln wollte, und stellte auch jetzt wieder alles dem göttlichen Richter anheim. Unterdessen trug es sich zu, dass er mit ihr auf dem Felde ging, um seine Landgüter zu besichtigen. Als sie zu einem Brunnen kamen, redete er sie also an:

´Man spricht von euch viele abscheuliche Sachen, die mit Recht euerem edlen Stamm zur Schande gereichen müssten, wenn Ihr sie in meiner Abwesenheit solltet begangen haben. Ich weiß nicht, ob sie wahr oder falsch sind. Die göttliche Vorsehung aber, der nichts verborgen ist, wird alsbald anzeigen, ob die Aussagen wahr sind oder nicht. Sieh, hier ist ein Brunnen. Er ist weder zu kalt noch zu warm. In diesen stecket euere Hände hinein und nehmet daraus ein Steinlein heraus. Sofern Ihr unschuldig seid, werdet Ihr keinen Schaden leiden, habt Ihr aber die Ehe gebrochen, so wird euch Gott nicht ungestraft lassen´.

Da fing das gottlose Weib an zu fluchen und zu schwören, dass alles unwahr sei, was man über sie sage und dass sie ihr Lebtag niemals eines Ehebruchs sich schuldig gemacht habe. Unter vielen Schmähworten gegen ihren Gemahl steckte sie dann aber ihren Arm in den Brunnen und griff nach einem Steinchen. Aber plötzlich erstarrte sie an allen Gliedern und gleichzeitig löste sich die Haut vom Arme so weit ab, als sie den Arm in den Brunnen eingetaucht hatte. Die Elende fürchtete jetzt, sie müsse alsbald sterben. Der Heilige jedoch tat ihr nichts zu Leid¸ aber er verließ sie und begab sich auf seine Güter im avalischen Lande [gemeint ist wohl die Gegend bei Avalilles an der Vienne, einem Nebenfluss der Loire in Frankreich, südlich von Poitiers]. Hier diente er Gott Tag und Nacht, tat armen Leuten viel Gutes, ließ keine Zeit vorübergehen, ohne sich in den Werken christlicher Tugend zu üben.

Als das unselige Weib auf solche Weise von der Furcht vor dem Ehegatten befreit war, fiel sie aufs neue in das frühere Sündenleben zurück und überließ sich dem Lasterleben mit dem seitherigen Buhlen noch viel unverschämter als zuvor. Um sich aber gegen alle Gefahr vonseiten des Ehemanns sicher zu stellen, beratschlagten die beiden ehebrecherischen Menschen, wie sie Gangolf heimlich ums Leben bringen könnten. Der verbrecherische Klerikus machte sich dann auf den Weg, um Gangolf zu töten. Er lauerte auf eine Zeit, wo er Gangolf ohne Diener treffen und überfallen könnte. Darum begab er sich in das Schlafgemach

Gangolfs. Als er ihn dort schlafend antraf, ergriff der Mörder das Schwert von Gangolf, das in einer Scheide über seinem Haupte hing, und wollte ihn damit erschlagen. Als aber das Schwert aus der Scheide gezogen wurde, erwachte Gangolf. Der Mörder wollte Gangolf den Kopf spalten. Gangolf aber wich dem Streiche aus, so dass der Schwertstreich die H ü f t e Gangolfs traf und sie schwer verletzte. Darauf flüchtete der gottlose Mensch eilends auf seinem Pferde und brachte der Ehebrecherin die Nachricht. Die große Wunde war tödlich.

Zwar lebte Gangolf noch einige Zeit, konnte aber vom Tode nicht gerettet werden.

Als Gangolf fühlt, dass er sterben müsse, bereitete er sich auf den Tod auch durch den Empfang der heiligen Sakramente vor und starb dann selig im Herrn (Es soll gewesen sein um das Jahr 760). Sein Tod wurde alsbald weit und breit bekannt,. Seine zwei frommen Basen, welche in Varennes [nahe bei Verdun] ein keusches und heiliges Leben führten, ließen seinen heiligen Leichnam ehrenvoll begraben. Als sie ihn in die Peterskirche trugen, welche der Heilige in seinem Leben erbaut hatte, verherrlichte Gott seinen Heiligen auch bei seinem Begräbnis durch Wunder. Viele Kranke erlangten durch seine Verdienste die Gesundheit.

Die Strafe Gottes aber traf den Mörder und die Ehebrecherin. Als der Erstere dem Weibe die Mitteilung machte, wie meisterlich er Gangolf getroffen habe, und beide darüber in Freude schwelgten, drängte es den Buhlen, seine Notdurft zu verrichten. Er begab sich in den Abort. Hier trieb es ihm alle seine Eingeweide zum Leibe heraus und so starb er scheußlich und im Laster an diesem Orte.

 

Das verkommene Weib aber verfiel der Schmach und Schande vor den Menschen. Sie wurde auch durch den schrecklichen Tod ihres Buhlen nicht gebessert und bekehrte sich nicht. Als sie einmal von einem Mädchen erfuhr, dass Gott große Wunderzeichen gewirkt habe, wo der tote Gangolf durchgetragen worden war, sprach sie voll Zorn: ´Gangolf kann soviel Wunder tun als mein Hinterleib´ – und gleichzeitig ging von ihr ein abscheulicher Geruch aus. Dies geschah an einem Freitag. Zur Strafe wiederholte sich dies dann ihr ganzes Leben lang an allen Freitagen, so oft sie redete. So verfiel sie dem Spott und Hohn der Menschen.

 

Als König Pippin in die Nähe des Wohnsitzes dieser Frau kam, sandte er Leute zu ihr, welche sie überzeugen sollten, ob es wahr sei, was man über diese Gottesstrafe aussage. Aber auch die Boten des Königs bestätigten die Wahrheit des Gerüchtes.

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* Richard Aichele war 1922 – 1927 Stadtpfarrer von Neudenau von und führte 1923 den zu Beginn des 19.

   Jahrhunderts behördlicherseits verbotenen St. Gangolfsritt wieder ein.

   Der in dem o.a. Büchlein veröffentlichte Text basiert auf der Gangolfsvita des Paters Dionysius von

   Lützenburg (+1705)